Umstrittene Deponie: Viele Fragen offen

Folgender Text entstammt der Printausgabe des Täglichen Anzeigers vom 21. Januar 2016:

Beim Erörterungstermin zur Deponie-Erweiterung in Lüthorst entwickelt sich ein Gutachter-Streit

Wangelnstedt (nig). Stoppt der Neuntöter die umstrittene Deponie-Erweiterung bei Lüthorst? Ist die Asche, die von der Entsorgungsanlage nach Wangelnstedt weht, wirklich so harmlos, wie der Betreiber behauptet? Und welche Aussagekraft kann ein Windgutachten für Lüthorst haben, das auf Wetterdaten einer Station in Alfeld beruht?

Mit solchen Detailfragen muss sich das Gewerbeaufsichtsamt (GAA) Braunschweig befassen, die im Rahmen einer Planfeststellung die Deponie-Erweiterung genehmigen soll – und auch ablehnen kann. Bei dem Erörterungstermin am vergangenen Dienstag in Lüthorst lässt das Amt Betreiber und Gegner der Erweiterung gleichermaßen zu Wort kommen. „Für uns ist diese Erörterung eine Erkenntnisquelle“, erklärt Ernst-Dietrich Morgener, stellvertretender GAA-Leiter, gleich zu Beginn. „Wir werden am Ende keine abschließende Erklärung treffen.“

Acht Stunden dauert die Anhörung im unterkühlten Saal des Wilhelm-Busch-Landhotels. „Die Stimmung zwischen Gästen und GFR ist drinnen teilweise so frostig wie draußen“, formuliert es Dirk Wollenweber, der gemeinsam mit Bürgermeister Manfred Adam und weiteren Bürgern den Verhandlungsmarathon verfolgt. Auch Samtgemeindebürgermeister Wolfgang Anders und die Landtagsabgeordnete Sabine Tippelt sind vor Ort.

Die Betreibergesellschaft GFR (Gesellschaft für Aufbereitung und Verwertung von Reststoffen mbH) aus Hannover ist mit einer Gruppe von sieben renommierten Gutachtern, Sachverständigen, Geowissenschaftlern und Diplombiologen nach Lüthorst gereist, die Gemeinde Wangelnstedt hat neben einem Rechtsanwalt den Gutachter Prof. Dr. Manfred Sietz an ihrer Seite, der kürzlich bei Wangelnstedt in Bodenproben Dioxine und Quecksilber festgestellt hatte (der TAH berichtete).

Das Gewerbeaufsichtsamt, das alle für das Verfahren notwendige Punkte sorgsam abarbeitet, lässt alle Parteien ausführlich zu Wort kommen, wobei zunächst der Arten- und Landschaftsschutz sehr breiten Raum einnimmt. Rotmilan und Uhu zum Beispiel würden sich an der geplanten Deponie Erweiterung wohl kaum stören, vermuten die GFR-Gutachter. Beim Neuntöter sieht das aber schon anders aus: Wegen des schützenswerten Vogels, der hier ansässig ist, sieht die Naturschutzbehörde des Landkreises Northeim keine Genehmigungsfähigkeit. Zwischen solch unterschiedlichen Positionen muss das GAA immer wieder abwägen. Mögliche Auswirkungen auf Menschen kommen bei dem Erörterungstermin erst nach der Mittagspause zur Sprache. Auch hier vertreten die GFR-Gutachter eine andere Position als die Betroffenen vor Ort. Nach GFR-Prognose seien Verwehungen in Wangelnstedt sehr selten (Grundlage ihres vorgelegten Windgutachtens sind Wetterdaten aus dem 20 Kilometer entfernten Alfeld), die Asche sei frei von Dioxin und Quecksilber. Die Bürger aus Wangelnstedt können dem Gewerbeaufsichtsamt auf Fotos aber das Gegenteil präsentieren. Das letzte Ereignis, bei dem Staub in „zusammenfegbarer“ Menge anfiel, liegt gerade einmal zehn Tage zurück. Und dieAsche- und Bodenproben, die der Gemeinde vorliegen, belegen Dioxine, Furane und Quecksilber. Während die GFR die Gefährlichkeit der Stäube bagatellisiert, äußern die Betroffenen große Sorge wegen möglicher Gesundheitsgefährdung. Schließlich entwickelt sich in Lüthorst unter den Professoren ein Expertenstreit über Beprobungsmethodik, Ergebnissen und Grenzwerten. Die von den Bürgern immer wieder geforderten Luftmessungen vor Ort lehnt die GFR weiterhin strikt ab.

„Das GAA nahm alle Bedenken von Bevölkerung und Kommune sehr ernst“, ist schließlich die Einschätzung von Dirk Wollenweber. „Unsere Argumente wurden aufgenommen und werden ernsthaft geprüft.“

Dass noch viele Fragen offen sind, bestätigt im Anschluss auch Ernst-Dietrich Morgener gegenüber dem TAH. Der Antragsteller müsse einiges nachliefern, das GAA will außerdem noch eigene Stellungnahmen von anderen Behörden einholen. „Es hat jeder sagen können, was er sagen wollte“, so sein Fazit des Erörterungstermin. „Das alles müssen wir nun in unsere Bewertung aufnehmen.“ Mit einem Ergebnis rechnet er frühestens zum Ende des Quartals.

Die Deponie-Erweiterung

Die GFR betreibt bei Lüthorst, direkt an der Grenze zum Kreis Holzminden, seit 1989 in einem ehemaligen Gipstagebau eine Deponie, in der Asche und Rückstände aus den Steinkohlekraftwerken überwiegend aus Wolfsburg, Braunschweig und Hannover eingelagert werden. Die GFR hat eine Erweiterung um fünf Hektar in Richtung Osten beantragt, was ein Zusatzvolumen von 2,4 Millionen Kubikmeter schafft. Das würde eine verlängerte Betriebszeit von rund 20 Jahren bedeuten. Je nach Windrichtung und Stärke fliegt die dort abgelagerte Asche Richtung Wangelnstedt, legt sich dort auf Terrassen und Autos nieder. Ein wichtiger Streitpunkt ist‚ wie gesundheitsgefährdend diese Flugasche ist. (nig)